Das e.l.f. ★ Europa-Interview mit dem Journalisten Michalis Pantelouris

Michalis Pantelouris ist Journalist und Olivenöl-Evangelist. Als Deutschgrieche oder besser Grecogermane hat er es derzeit nicht leicht. In Griechenland erklärt er den Griechen die Deutschen, in Deutschland den Deutschen die Griechen. Uns hat er seine Meinung zu Europa erzählt.

Wo bist Du geboren?
In Berlin, als Sohn einer Deutschen und eines Griechen.

Wo wohnst Du heute?
Ich lebe in Hamburg und Berlin.

Bist Du gerne Europäer / lebst Du gerne in Europa?
Ich bin geborener Europäer und gelernter Hamburger, und beides gerne, selbstverständlich und auch stolz. Für mich gibt es keine spannendere Welt als Europa mit seinem kulturellen Reichtum. Und der materielle Reichtum hilft, ehrlich gesagt, auch.

Warum?
Wenn ich darf, dann erkläre ich fast alles am liebsten am Beispiel Olivenöl. Die Olive ist eine Kulturfrucht, seit Jahrtausenden, sie bestimmt in den Regionen, in denen sie wächst, die Landschaft, die Wirtschaft, die Gemeinschaft – und so immer auch die Kultur. Olivenöl ist lecker, aber es ist mehr als ein Lebensmittel, es ist ein Kulturträger. Das ist nicht nur gut, der Ballast der Tradition sorgt auch dafür, dass Veränderungen zu langsam gehen und uns die neue Welt in der Technologie und letztlich der Qualität inzwischen voraus ist. Im Kung Fu sagt man gerne: „Tradition bedeutet: Hier ist nie etwas verbessert worden!“ Das ist die Kehrseite. Aber wenn man offen bleibt und die alte Tradition mit neuer Wissenschaft und Technik verbindet, dann haben eben nur wir die alten Bäume mit den tiefen Wurzeln, die alle Aromen aus den tieferen Schichten in die Früchte holen. Amerika hat die alten Bäume einfach noch nicht. Ich glaube, das lässt sich auf viele Bereiche übertragen: Punk ist in New York entstanden, aber richtig groß ist Punk in London geworden – weil er dort alte Traditionen hatte, mit denen er zusammengeprallt ist. Das geht nur hier.

Was unterscheidet Europa von den anderen Kontinenten?
Neben den Traditionen ist das für mich unser Begriff von Freiheit. Freiheit im sozialdemokratisch geprägten Europa heißt eben nicht nur, ich bin frei davon, Leibeigener zu sein und darf sagen, was ich will. Ich empfinde es auch als Freiheit, dass ich weiß, meine Familie muss nicht verhungern, wenn ich krank werde und als Ernährer ausfalle. Ich glaube nicht, dass Freiheit und Sicherheit Widersprüche sind, im Gegenteil: Die Tatsache, dass nicht jeder hier die Freiheit hat, mit einer Knarre rumzulaufen, macht mich gefühlt freier. Diese Balance aus Freiheit und Sicherheit ist in jedem Land – wenn nicht jeder Region – ein bisschen anders, und das gefällt mir gut. Es ist ein fröhlicher Wettbewerb der Kulturen.

Wie würdest Du europäisches Lebensgefühl beschreiben?
Europa ist für mich immer ein Ort der Kultur. Selbst die schönsten Naturlandschaften – wie die Toskana, um als Halbgrieche mal was unverdächtiges zu sagen – sind immer eng mit der Kultur verbunden. Kultiviertheit ist für mich etwas sehr europäisches: Kunst als Teil des Lebens zu sehen, Schönheit schaffen zu wollen, all das ist europäisches Lebensgefühl für mich. Mein Gott, bin ich bürgerlich!

Was sind für die Dich die besonderen europäischen Werte?
Das europäische Projekt nach dem letzten Weltkrieg lässt sich für mich umschreiben mit „Frieden durch Wohlstand“. Ich weiß, das klingt zunächst zu wenig und zu klein, aber ich finde das gar nicht: Den Frieden zu gewinnen und dabei einen Stand zu erreichen, der über die Frage des Überlebens hinausgeht, nämlich in den Bereich, in dem man als Bürger seine Entscheidungen nicht nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten treffen muss. Ich konnte als Schüler ein Jahr nach England, ich war mal der Liebe wegen einige Zeit in der Schweiz, und so weiter. Ich weiß, es geht noch längst nicht allen Europäern so gut, und aus Griechenland wandern gerade in Scharen auch meine Cousinen und Cousins aus, weil sie dort keine Arbeit finden. Gleichzeitig überfrachten wir die europäische Idee mit lauter abstrakten Werten, die lächerlich wirken, wenn gleichzeitig in der Krise das Misstrauen wächst, weil einer sich von dem anderen über den Tisch gezogen fühlt. Ich habe mit „Frieden durch Wohlstand“ überhaupt keine Probleme, ich finde das als Projekt toll.

Was bedeutet Europa für Dich beruflich?
Ich bin Journalist und habe meinen beruflichen Traum – einmal für das SZ-Magazin schreiben – innerhalb eines Jahres nach der Journalistenschule erfüllen können, weil die für eine Geschichte jemanden suchten, der Griechisch konnte (steht übrigens, als Nachdruck im Magazin Fluter, noch online: http://www.fluter.de/de/zeit/heft/4330/). Das war toll. Ansonsten bedeutete mein Europäischsein in den letzten Jahren vor allem eine ewige Auseinandersetzung mit der Krise. Darauf hätte ich gerne verzichtet.

Was bedeutet Europa für Dich privat?
Einfach schnell zu reisen und innerhalb weniger Stunden an so unterschiedlichen Orten sein zu können ist fast schon unfassbar schön.

Dein Lieblingsort in Europa?
Ich bin sehr, sehr gerne Hamburger. Aber wir haben auch ein Häuschen auf der griechischen Insel Evia (oder, deutsch: Euböa), in einem Dorf auf einem Berg – das ist schon auch wirklich schön. Aus der Englandzeit vor mehr als 20 Jahren habe ich noch ein bisschen einen Hau weg und liebe vor allem den Südwesten. Und jeder Mensch liebt natürlich Italien, jedenfalls jeder Mensch, mit dem ich irgendwas zu tun haben möchte. Ich kann mich unmöglich festlegen. Am allerbesten ist wahrscheinlich mein Bett in Hamburg.

Deine Lieblingspersönlichkeit aus Europa?
Prinz Philip Mountbatten-Windsor. Der Mann ist geborener Grieche, hat die richtige Frau geheiratet und den Rest seines Lebens vor allem mit Humor bestritten. Wenn man das mal über mich sagt, dann habe ich alles richtig gemacht.

Dein Lieblings-Essen?
Das ist einfach: Italienisch. Obwohl meine Mutter der einzige Mensch der Welt ist, der keine Spaghetti mag. Da ist was schief gelaufen.

AKTUELLES:

Alles Aktuelle und viele Blogeinträge von Michalis Pantelouris gibt es auf seiner Webseite unter http://www.pantelouris.de




Interview: 2015